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Mehr als nur Erste Hilfe - die Gesundheits-Oase

Das deutsch-französische Erste Hilfe-Team am EuroCampus


Die Erste Hilfe-Station aus der Sicht einer Mutter

Unsere Kinder, unsere Schüler arbeiten viel. Je älter sie werden, desto mehr. Seien wir ehrlich, viele arbeiten mehr Stunden pro Woche als wir Erwachsene. Und nicht immer schaffen es alle, das durchzuhalten. Ohne Verletzungen, ohne Prellungen, ohne Quetschungen. Manchmal kommt es auch gar nicht so weit, dass das Leiden äußerlich sichtbar wird. Manchmal bleibt es innen und macht sich anders bemerkbar – durch Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Gliederschmerzen. Manchmal kann man einfach nicht mehr, man ist ja auch nicht jeden Tag gleich stark, gleich wach, gleich alt. Manchmal ist man wieder sehr jung und die Schule groß und kalt. Manchmal glaubt man nicht, dass man in der richtigen Klasse sitzt. Manchmal würde man sich lieber wieder zurückstufen lassen. Denn die nächste Klasse wird bestimmt noch schwerer und anspruchsvoller.
Wenn man sich so klein, müde und unscheinbar fühlt, dass man sogar vor einem Basketball Angst hat, dann sehnt man sich nach einem Ort, wo man ein bisschen sein kann, ohne dass jemand etwas von einem will – bis man sich wieder stärker fühlt. Dann geht man in die Oase.

„Guten Tag. Wie heißt du denn? Jetzt beruhig´ dich erst einmal! Wie war dein Name?“ Ein sonnendurchfluteter Raum, hell und warm, wo Ruhe herrscht, Frieden, Lächeln. Man wird ernst genommen, es wird zugehört, gefragt, untersucht. Das Kind sonnt sich in der Aufmerksamkeit einer freundlichen Dame, die verschiedene Gesichter hat, je nachdem ob sie Eva Fries, Nicole Jens, Ulrike Koop, Marie-Helene Merabti oder Christel Stutz heißt. Da lässt das Kind ein bisschen es selbst sein, krank und schwach, wie es sich fühlt.
Es gibt süßen Tee zur Stärkung, eine kleine Knabberei, ein paar gute Worte, vermischt mit ein bisschen Zeit. Oft ist das alles, was das Kind braucht, um sich wieder gestärkt zu fühlen und es zu wagen, sich erneut dem wilden Leben da draußen zu stellen.
Manchmal fehlte auch nur das Frühstück zu Hause und ein paar Stunden später liegt das Kind wegen Unterzuckerung mit Kopfschmerzen und Bauchschmerzen in der Oase flach. Manchmal bräuchte es mehr, aber das dürfen die freundlichen Damen, die im Hauptberuf examinierte Krankenschwestern sind, nicht geben. Selbst wenn sie es wollten, nicht einmal Paracetamol gibt es ohne Absprache mit den Eltern.

Auch für die, die keine Kinder mehr sind, hängt an gewissen Tagen der Himmel voll Gewitterwolken, es fahren Blitze herunter, ein fieser Wind jagt hinter ihnen her. Da würden sie am liebsten einfach abhauen, mit dem Taxi, oder sich ins Klo einschließen zum Heulen –  oder aber: Es in der Oase versuchen und auf der Liege ein bisschen mit sich allein sein.

Rund 40 französische und deutsche Kinder suchen täglich die Oase auf. Nur etwa vier von ihnen müssen wirklich nach Hause geschickt werden, bei den anderen hilft der süße Tee und ein offenes Ohr. Eine schöne Erfolgsrate!

Ohne die Oase wären es täglich vierzig Schüler, die vorzeitig nach Hause gehen würden. Die Krankenstation macht etliche Krankmeldungen überflüssig und senkt die Krankenrate. Sie entlastet die Lehrer von der Betreuungsarbeit, so dass sie mehr Zeit für den Unterricht haben, und richtet die Kinder oft auf, bevor sie wirklich krank werden.

Lassen sich die Beschwerden nicht verscheuchen und auch nicht bandagieren, gibt es nur einen nächsten Schritt: Die Mutter oder der Vater müssen kommen, den Schüler abholen und zum Arzt bringen. Darum gleicht das Krankenzimmer oft einer Telefonzentrale. Denn einen Elternteil unter der angegebenen Handynummer zu lokalisieren, gestaltet sich manchmal als Jagd mit den Fingern auf den Tasten. Da landet man mit seinem Anruf leicht auf der Landstraße, in einer Konferenz, in einer fernen Stadt oder sogar auf einem anderen Kontinent. „Ja, hier die Krankenstation der DS Shanghai, ja, wir sind immer noch in Shanghai, Krankenstation, Schule, Deutsche Schule, wissen Sie, Ihr Kind, ja, ist noch da, ja, ist hier bei mir. Und wo sind Sie? Ah, Neuseeland, na ja. Können Sie ihr Kind abholen, äh, abholen lassen? Nein, zu Hause erreiche ich niemanden…“

Eltern sind sehr beweglich, und die Unfälle der Kinder stehen leider nicht auf ihrer Agenda. Während das Kind, das sich schlecht fühlt, von der Liege aus die Unterhaltung verfolgt, muss oft noch erklärt werden, warum die Krankenschwester nicht das Kind nach Hause bringt. Doch das ist nicht ihr Job, ihr Job endet an der Eingangstür der Schule. Während sie auf das Eintreffen eines Abholers warten, der erst einmal den ganzen Weg zurücklegen muss, gibt es noch Gelegenheit für ein Gespräch, falls die Kinder zu dieser Stunde nicht an der Oase Schlange stehen. Da wird manches Herz ausgeschüttet und wieder zusammengepackt, denn das Leben ist manchmal hart, wie wir alle wissen.

Natürlich gibt es auch die wohl organisierten Schüler, die sehr genau kalkulieren, wann es der beste Zeitpunkt ist, Kopfschmerzen zu haben. Nämlich genau dann, wenn die ganze Klasse über weiße DIN-A4-Blätter gebeugt zwei Stunden stillsitzen muss und nur einzelne raus gelassen werden. Die ideale Zeit für die Oase! Natürlich sind die Damen dort nicht auf den Kopf gefallen und bemerken solche seltsamen Zufälle bald. Auch vom Psychologen müssen sie etwas haben, denn sie sollen trösten und aufrichten. Aber auffällige Oasenfrequentierer brauchen etwas anderes: Da muss mit den Lehrern und Eltern zusammen nach den Motiven gegraben werden, warum sie lieber in die Oase gehen als in die Schulstunde.

Jede Seele und jeden Körper zu behandeln, wie er es braucht, damit er wieder in seine Klasse zurückkehren und sich wieder einreihen kann, erfordert neben medizinischen Kenntnissen auch psychologische Einsichten und viel tiefes Gespür für die Lage des Kindes.
Es ist gut, eine Oase zu haben, in die man absteigen und sich erfrischen kann, wenn der Ritt durch die Wüste einen ausgezehrt hat und man sich kaum noch auf seinem Kamel halten kann. Dort bekommt man, was man braucht, um wieder in den Sattel zu steigen und dem Horizont entgegen zu reiten – eine weiße Bandage und magisch süßen Tee.

Einen Dank an die, die diese Oase ermöglicht haben, und einen noch größeren an die, die sie lebendig machen als Krankenschwestern und Mutterersatz! 

 

Heinke Stulz

(Mutter eines ehemaligen Schülers)